Die japanische Fixierung auf Faxe: Was für eine seltsame Liebesgeschichte

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von Gianluca Riccio

Mit Japan auf dem Gipfel des Wirtschaftswunders, der Präsident von Sony Akio Morita und der japanische Verkehrsminister Shintarō Ishihara sie starteten ein Manifest, eine Art Prophezeiung. Das 1989 endlich veröffentlichte Dokument enthielt etwas, das CIA-Beamte beunruhigen könnte. Was es war?

Damals, so die Autoren dieses Dokuments, seien die amerikanischen und sowjetischen Supermächte "von der Initiative des japanischen Volkes abhängig geworden, neue Technologien zu entwickeln". Ein Beispiel vor allem: die Produktion (in der das Land der aufgehenden Sonne glänzte) von Halbleiterchips. Für Morita und Ishihara hätte dies „das Ende der von den Kaukasiern entwickelten Moderne“ und das Aufkommen einer „neuen Ära“ unter der Führung der japanischen technologischen Vormachtstellung bedeutet. Sie lagen damals nicht alle falsch. Ok, aber was hat das Fax damit zu tun? Jetzt sage ich es dir.

Lass uns schnell gehen.

2021: Japans Hightech-Image bröckelt etwas. Es ist ein Land, das immer noch über Roboter debattiert, ja: aber damit ältere Menschen arbeiten über das Rentenalter hinaus. "Japan braucht ein Software-Update", sagt auch die New York Times. DER XNUMX-JÄHRIGE IT-Minister des Landes, Naokazu Takemoto, wurde verspottet, weil er nicht in der Lage war, eine funktionierende Website aufrechtzuerhalten. Japan, so scheint es, hinkt dem weltweiten Digitalisierungsschub hinterher, obwohl es die Heimat von Panasonic und Mitsubishi, Hochgeschwindigkeitszügen und neonbeleuchtetem Stadtleben ist.

„In Japan gibt es wie in anderen konfuzianischen Ländern keinen Gegensatz zwischen Moderne und Antike“, sagt der iamatologe und Kommunikationsspezialist Giovanni de Palma. „Aus diesem Grund lassen sich neben dem Stand der Technik leicht Ansätze finden, die wir als antiquiert betrachten, wie z Verwendung von Bargeld, oder der Hanko, ein persönlicher Stempel, der benötigt wird, um Dokumente zu validieren oder Bankkonten zu eröffnen. Auf der anderen Seite, wenn ein Achtzigjähriger die Rolle des Technologieministers innehat, dann deshalb, weil, auch wenn es uns absurd erscheint, in Japan viele Ämter nicht nach Verdienst, sondern nach Dienstalter ausgeübt werden. In einer Welt, die sehr schnell läuft, führt diese Lücke unweigerlich zu Problemen für Unternehmen und für die Staatsmaschine.

Nirgendwo auf der Welt lässt sich diese „Dekadenz“ besser durch eine Liebesgeschichte darstellen: die der Japaner mit dem Fax. Das Fax, Leute: das Ding voller Staub, das wir immer ins Arbeitszimmer werfen. Jemand, der hier nach 2000 geboren wurde, weiß nicht einmal, was ein Fax ist. Dennoch ist diese Technologie des XNUMX. Jahrhunderts noch immer ein fester Bestandteil vieler japanischer Büros, wo das Beharren auf Papierdokumente mit persönlichen Siegeln nach wie vor besteht.

Fax Japan-Technologie
Ein "Hanko" oder persönliches Siegel. Die Japaner verwenden es, um Dokumente zu validieren. PAPIER.

Das Fax. Warum finden sie das so überraschend? Nein: weil ich es so überraschend finde.

Wir könnten uns gemeinsam fragen, warum japanische Unternehmen geduldig an ihren summenden Faxgeräten gestanden haben. Aber vielleicht ist das nicht die richtige Frage. Vielleicht sollten wir uns wirklich fragen: Warum finden wir das so überraschend? Das heißt: Warum hält sich die Gleichung "Japan ist gleich Hochtechnologie" trotz gegenteiliger Beweise so hartnäckig?

Ein offensichtlicher Schuldiger ist der "Techno-Orientalismus".

Orientalismus, die Romantisierung des Ostens in den Augen des Westens. Der Osten als Ort der Exotik und mystischen Weisheit. So etwas ist passiert. Die aufkeimende japanische Mikroelektronikindustrie hat der orientalistischen Fantasie einen neuen Weg eröffnet: Techno-Orientalismus oder die Idee, dass der Osten eine exotische und technisch-wissenschaftliche Zukunft darstellen könnte. Denken Sie daran, wie das glitzernde neonbeleuchtete Tokio die Blade Runner-Ästhetik inspiriert hat.

Japan Faxtechnologie
Los Angeles „neu erfunden“ in Ridley Scotts klassischem Blade Runner von 1982. Können Sie überall Faxe sehen?

Es gibt eine tiefere Geschichte, die mit dem modernen Imperialismus verflochten ist und unsere Vorstellung vom zeitgenössischen Japan nährt. Die Fantasie einer fortgeschrittenen technologischen Entwicklung ist seit langem von zentraler Bedeutung für die Definition der nationalen Identität Japans als "modern", sowohl gegenüber seinen asiatischen Nachbarn als auch gegenüber dem Westen.

Die "neue" japanische Identität: Oitsuke-Oikose

Es war kein Zufall, dass Akio und Shintarō, als sie 1989 vom Aufstieg Japans sprachen, ihn als "das Ende der von den Kaukasiern entwickelten Moderne" bezeichneten. Japan trat in die moderne internationale Ordnung ein, indem es (buchstäblich) auf die Kanonen amerikanischer Dampfer schaute. In Nachkriegsverhandlungen beeindruckten die westlichen Imperialmächte Japan mit ihrer überwältigenden mechanischen Macht, verstärkt durch eine "technologiebasierte Herrschaftsideologie".

Als Reaktion darauf steht die technologische Entwicklung ganz oben auf der nationalen Agenda Japans. In einem Slogan, „Oitsuke oikose“ (erholen und überwinden) stand dieses ganze Projekt. Das Ziel bestand darin, indigene Industrien, Infrastrukturen und militärische Fähigkeiten zu schaffen, die Japan letztendlich Parität oder sogar Überlegenheit gegenüber dem Westen bieten würden.

Fax Japan
Naokazu Takemoto, japanischer Minister für Technologie

Technologie war jedoch eine alte Sache. Wie das Fax von 1936.

Dieser "Techno-Nationalismus" diente aber auch als wesentlicher Grund für die imperiale Expansion Japans. In den späten 30er Jahren bezeichneten japanische Ingenieure ihre Arbeit im Marionettenstaat Mandschurei als "gijutsu hōkoku" oder "Dienst am Land durch Technologie". Eine der ersten und bedeutendsten Investitionen Japans in das Faxen fand 1936 statt, anlässlich der diesjährigen Olympischen Spiele in Berlin. Zwischen Tokio und Berlin wurde ein Tele-Netzwerk aufgebaut, um nicht nur Bilder des Ereignisses, sondern auch einen von Hitler illustrierten Fotobrief an Nippon Electric zu übermitteln.

Kurz darauf, im Jahr 1941, skizzierte die japanische Planungsbehörde ihre Vision, wie japanische Ingenieurskunst in Kombination mit Rohstoffen Japan von der Dominanz westlicher Technologien befreien würde.

Ein schwer zu sterbender Traum

Diese nationale Fantasie, eine Projektion dessen, was Japan auf staatlicher und industrieller Ebene hätte werden können oder sollen, hielt sich während des gesamten technologischen Aufstiegs Japans in den 80er Jahren. Gerade als das Fax seine Blütezeit genoss. Aber die überschwängliche, sehr lange Nachkriegsblase wäre geplatzt.

Während des „verlorenen Jahrzehnts“ der 90er Jahre geriet die japanische Wirtschaft in eine Rezession.

Fax ist ein Symptom

Die Alterung der Bevölkerung und ausgeprägte Geschlechter- und Einkommensungleichheiten sind Gegenstand täglicher Schlagzeilen. Einsamkeit immer weiter verbreitet und grassiert es verändert die Gesellschaft zum Schlechten. So gesehen ist die „langsame“ Digitalisierung nur eines der Symptome einer allgemeinen Malaise, die das Land seit dem Ende seines Wirtschaftswunders erfasst. Doch selbst jetzt, wo sich die Kluft zwischen Fantasie und Realität vergrößert hat, ist das High-Tech-Image Japans ein fester Bestandteil der populären Vorstellungskraft geblieben.

Die Beständigkeit dieses Bildes liegt auf der Hand: Schließlich ist technologisches Können seit über einem Jahrhundert ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität Japans.

Von der Zukunft von gestern in die Zukunft von morgen: Wenn Japans bizarre Liebesaffäre mit dem Fax uns etwas sagt, dann nicht, dass Japan in der vordigitalen Vergangenheit feststeckt. Eine weitere Nachricht kommt per Fax: Die Ära, in der Japan seine Beziehung zur Moderne durch fortschrittliche Technologie definierte, könnte enden. Und sehr bald.