In einem Labor der Universität Basel wächst etwas Außergewöhnliches in einer nur acht Millimeter dicken Struktur. Es ist kein echtes Organ, nicht einmal natürliches Gewebe. Und doch produziert es Blut, genau wie das Knochenmark in Ihrem Körper.
Wir erleben eine absolute Premiere in der Bioingenieurwissenschaft: die Schaffung eines Knochenmarkmodells, das vollständig aus menschlichen Zellen bestehtDie Studie wurde in der Fachzeitschrift Cell Stem Cell veröffentlicht. Dies ist nicht nur eine technische Errungenschaft, sondern ein Durchbruch, der die Erforschung von Blutkrankheiten und die Entwicklung neuer Therapien gegen Leukämie grundlegend verändern könnte.
Wo wir standen: Die Grenzen der traditionellen Forschung
Bislang bedeutete das Verständnis der Funktionsweise des Knochenmarks eine schwierige Entscheidung. Auf der einen Seite Tiermodelle: Labormäuse haben uns viel gelehrt, aber sie bleiben eben doch nur Mäuse. Ihre Blutbildung unterscheidet sich in wichtigen Punkten von unserer, insbesondere wenn es um die Erprobung von Medikamenten geht, die später auch beim Menschen wirken sollen.
Andererseits: Zellkulturen im Labor: einfach, kontrollierbar, aber furchtbar vereinfacht. Wie Professor Ivan Martin erklärt, so ein Mitautor der Studie, gelingt es diesen Kulturen nicht, die architektonische Komplexität des echten Knochenmarks nachzubilden, jenes komplizierte Netzwerk aus Knochenzellen, Blutgefäßen, Nerven und Immunzellen, die zusammenarbeiten.
Das Knochenmark ist kein einheitliches Gewebe. Es ist ein Mosaik aus spezialisierten Mikroumgebungen, sogenannten Nischen. Eine davon, die endostale Nische, ist besonders wichtig, da sie sich nahe der Knochenoberfläche befindet und sowohl für die Blutbildung als auch für die Therapieresistenz bei Blutkrebs von entscheidender Bedeutung ist. Bislang… Kein menschliches Modell umfasste alle diese zellulären Komponenten..
Knochenmark – wo wir stehen: Wir bauen eine biologische Fabrik
Der Aufbau dieses Knochenmarkmodells beginnt mit einem künstlichen Gerüst aus HydroxylapatitEs handelt sich um dasselbe Mineral, das Knochen und Zähne stärkt. Die eigentliche Innovation liegt jedoch darin, was Schweizer Forscher darauf aufgebaut haben.
Sie verwendeten menschliche Zellen, die zu pluripotenten Stammzellen reprogrammiert wurden – jenen außergewöhnlich vielseitigen Zellen, die sich je nach den empfangenen chemischen Signalen in jeden beliebigen Zelltyp verwandeln können. Durch die Integration dieser Zellen in die künstliche Knochenstruktur konnte das Team sie gezielt durch spezifische Differenzierungsprozesse steuern, um die gesamte Bandbreite der im natürlichen Knochenmark vorkommenden Zelltypen zu erzeugen.
Das Ergebnis ist ein dreidimensionales System mit acht Millimetern Durchmesser und vier Millimetern Dicke, größer als frühere Systeme. Doch die Größe ist weniger wichtig als die Funktion: dieses Das Modell hält die menschliche Blutbildung im Labor über Wochen aktiv.und damit im Wesentlichen eine miniaturisierte, aber funktionsfähige Version unserer „Blutfabrik“ nachzubilden.
Knochenmark, der Weg zu konkreten Anwendungen
Die Fähigkeit zu Replikationskomplexität Die Verwendung menschlichen Knochenmarks eröffnet Möglichkeiten, die bis vor Kurzem unmöglich schienen. Die erste betrifft die Blutkrebsforschung. Leukämie, die häufigste Blutkrebsart bei Kindern und Jugendlichen, befällt direkt das Knochenmark. Allein in den Vereinigten Staaten werden jährlich etwa 3.500 bis 4.000 neue Fälle diagnostiziert.
Die Erprobung neuer Medikamente gegen diese Krankheiten würde idealerweise ein System erfordern, das die Interaktion von Tumorzellen mit der Knochenmarksumgebung getreu nachbildet. Nun verfügen wir über ein solches System. Jüngste Studien haben bereits gezeigt, wie… Ähnliche biotechnologisch hergestellte Modelle können die Wirksamkeit von CAR-T-Therapien bewerten. bei akuter myeloischer Leukämie wurden Nebenwirkungen festgestellt, die mit herkömmlichen Methoden nicht vorhergesehen worden waren.
Doch es gibt einen noch faszinierenderen Aspekt: personalisierte Medizin. In Zukunft könnte dieses Modell aus individuellen Patientenzellen generiert werden. Stellen Sie sich vor, Sie könnten testen, welches Medikament am besten an einer Nachbildung Ihres Knochenmarks wirkt, noch bevor die Behandlung beginnt. Schluss mit Therapien nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip – stattdessen werden Behandlungen individuell auf Ihre Biologie abgestimmt.
Die Hindernisse, die es zu überwinden gilt
Wie Dr. hervorhebt Andrés García GarcíaLaut einem Mitautor der Studie muss das System verkleinert werden, um es für groß angelegte Arzneimitteltests einsetzen zu können. Acht Millimeter seien zwar ideal für die Untersuchung biologischer Prozesse, doch für die gleichzeitige Prüfung dutzender verschiedener Substanzen und Dosierungen sei ein noch kompakteres und standardisierbares System erforderlich.
Hinzu kommt das Problem der Skalierbarkeit. Die Entwicklung dieser Modelle erfordert Zeit, spezifische Fachkenntnisse und Ressourcen. Bevor sie in Laboren weltweit zum Standard werden, müssen Protokolle optimiert, Prozesse automatisiert und die Technologie auch Forschungseinrichtungen mit begrenzten Budgets zugänglich gemacht werden.
Und schließlich gibt es die anhaltende Debatte über alternative Tiermodelle. Dieser Ansatz verspricht zwar, die Abhängigkeit von Tierversuchen zu verringern. Aber wird er sie vollständig ersetzen? Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. In-vitro-Modelle, so ausgefeilt sie auch sein mögen, können die systemische Komplexität eines gesamten Organismus mit all seinen biologischen Rückkopplungsschleifen noch nicht abbilden.
Was wir mitbringen
Das in Basel entwickelte Modell ist mehr als nur ein Knochenmarkmodell. Es beweist, dass wir komplexe biologische Systeme im Labor mithilfe reprogrammierter menschlicher Zellen nachbilden können. Es zeigt, dass die Bioingenieurwissenschaft die Lücke zwischen der künstlichen Einfachheit von Zellkulturen und der unreduzierbaren Komplexität des menschlichen Körpers schließen kann.
In zehn Jahren Vielleicht gehen wir zum Arzt und lassen uns ein paar Zellen entnehmen. Im Labor werden diese Zellen dann zu einem biologischen Abbild unseres Knochenmarks, an dem maßgeschneiderte Therapien getestet werden können. In zwanzig JahrenVielleicht wird diese Technologie dazu beitragen, Leukämie von einer verheerenden Krankheit in eine behandelbare Erkrankung zu verwandeln, dank Medikamenten, die durch das Testen von Tausenden von Molekülen in bio-ingenieurtechnisch hergestellten Knochenmarkmodellen entwickelt wurden.
Bislang haben wir jedoch ein Ziel erreicht, das unmöglich schien: Wir haben umprogrammierte menschliche Zellen dazu gebracht, sich selbst zu einer funktionierenden Blutfabrik zu organisieren, in einer Struktur, die in eine Handfläche passt. Und das allein ist schon außergewöhnlich.